Straßenpoesie

Gedichte über alltägliche Plätze, direkt an Ort und Stelle gepostet.

 

1. In der Unterführung

Diese Unterführung ist dreckig
und hässlich und trotzdem
bin ich hier gerne
auf dem Weg
heim

zu dir

 

 

Ob absichtlich oder zufällig, drei Tage nachdem ich den Text in der Unterführung „gepostet“ hab, wurde das Gedicht von irgendjemand oder irgendwie ver-dichtet. Ich muss zugeben: Auf das Wesentliche!

Und einige Stunden später war nur noch ein Wort übrig. Und das hätte auch der Titel sein können.

 

 

2. In der S-Bahn

Ich fahre
in dieser S-Bahn
und frage mich
was wird anders sein
wenn ich zurückkomme

 

 

Als ich zwei Tage später mit der S-Bahn zurückgefahren bin, hab ich eigentlich nicht wirklich damit gerechnet, das Gedicht wiederzusehen. Aber zufällig bestieg ich denselben Waggon und es war tatsächlich noch da. Wenn es auch anders war, als ich zurückfuhr:

Ich fahre
in dieser S-Bahn
und frage mich

 

Und ich frage mich: Was haben sich wohl die Fahrgäste gefragt? Ob dieser Text weiterging? Wenn ja, wie? Was ich mich frage?
Am Ende habe ich das Gedicht wieder mitgenommen und alles schön sauber gemacht.

 

3. Unter den Blättern

Woran werde ich mich erinnern
Wenn der Herbst sich über mein Denken legt
Wie bunte Blätter
Was wird sich mir entdecken
Wenn der Wind weht

 

4. Auf der Brücke

Manchmal kommt es mir vor
als wäre es nicht richtig
über die Brücke zu gehen
ohne den Fluss zu beachten
als wäre es unhöflich
ihn nicht um Erlaubnis zu fragen

 

5. Auf einem Blatt

Irgendwann
wird dieses Blatt
fallen und
unbemerkt
die Welt
verändern

 

6. Auf der Bank einer Bushaltestelle

Um ehrlich zu sein
ich bewundere
die Menschen
die sich die Zeit nehmen

um zu warten

auf den Bus
auf das Leben
und auf den ersten Schnee

 

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Ein Ort spricht mich an und meine Gedanken kreisen einige Tage um diesen Ort. Irgendwann formen sie sich zu Texten. Am Ende ist es ein seltsam-zufriedenstellendes Gefühl, die Texte in dieser unmittelbaren Nähe zu dem zu sehen, wovon sie erzäheln. So als seien sie am Ziel. Und ich stelle mir vor, meine Gedanken und die anderer Menschen, klebten überall sichtbar an Türen, Straßenecken, Häusern und in der Luft.

Mindestens ebenso spannend ist es, zu sehen, was dann mit den Texten passiert, und wie sie sich verändern.

Am Ende versuche ich wieder aufzuräumen, und den Ort wieder in den Ausgangszustand zurückzuversetzen.

 

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